Gewalt in der Pflege: Pflegekammer NRW ruft Expert*innengruppe ins Leben

Women violence and abused concept. Stop domestic violence against women and human trafficking.In den vergangenen zwölf Monaten berichteten 92 Prozent der professionellen Pflegekräfte, Gewalt erfahren zu haben. Zugleich räumen 70 Prozent ein, selbst gegenüber Pflegebedürftigen gewalttätig geworden zu sein. Angesichts dieser Zahlen ist die dringende Notwendigkeit von Aufklärung, Sensibilisierung und präventiven Maßnahmen offensichtlich. Hierbei spielt die Pflegekammer Nordrhein-Westfalen eine aktive Rolle und ruft eine Expert*innengruppe ins Leben.

Obwohl die Begriffe Pflege und Gewalt scheinbar gegensätzlich wirken, sind sie in der Praxis eng miteinander verbunden. Gewalt in der Pflege ist ein häufiges Phänomen. Die Pflegekammer Nordrhein-Westfalen hat eine Gruppe von Expert*innen ins Leben gerufen, um Aufklärungsarbeit zu leisten, Bewusstsein zu schaffen und insbesondere Strategien zur Verhinderung von Gewalt zu entwickeln. Die Kammer spielt eine zentrale Rolle als Ansprechpartner für politische Entscheidungsträger und andere Beteiligte im Gesundheitssektor und hat ihre Fachkenntnisse bereits zu Beginn des Jahres in einer Anhörung im Landtag eingebracht. „Gewalt in der Pflege ist immer noch ein Tabuthema. Das müssen wir durchbrechen. Denn wir wissen, dass es täglich zu Gewaltereignissen in den verschiedensten Mustern und Formen kommt“, betont Dominik Stark, Vorstandsmitglied der Pflegekammer NRW.

Laut einer Umfrage, die vom Gewaltpräventionsprojekt PEKo in vier deutschen Bundesländern durchgeführt wurde, haben 2 Prozent der befragten Pflegefachkräfte aus stationären Langzeitpflegeeinrichtungen, Krankenhäusern und dem ambulanten Pflegedienst in den vergangenen 12 Monaten mindestens eine Art von Gewalt im Berufsalltag erfahren. Dabei berichteten 90 Prozent von psychischer und 69 Prozent von körperlicher Gewalt. Interessanterweise gaben 70 Prozent der Befragten an, selbst mindestens eine Form von Gewalt gegenüber Pflegebedürftigen ausgeübt zu haben, wobei Vernachlässigung (55 Prozent) und psychische Gewalt (50 Prozent) besonders häufig genannt wurden. Das PEKo-Projekt hat Einrichtungen aus diesen drei Versorgungsbereichen bei der Entwicklung maßgeschneiderter Gewaltpräventionsmaßnahmen unterstützt. Zwei Teammitglieder des Projekts sind zudem in der Expert*innengruppe der Pflegekammer Nordrhein-Westfalen tätig.

Viele Pflegekräfte erleben auch sexualisierte Gewalt während ihrer Arbeit. Eine Studie von Adler et al. aus dem Jahr 2021, die sexuelle Belästigung durch Patient/innen, Klient/innen und Bewohner/innen untersuchte, ergab, dass rund die Hälfte der Teilnehmenden physische sexuelle Gewalt am Arbeitsplatz erlebte.

Experten empfehlen zur Prävention gezielte Fortbildungen, Aufklärungskampagnen sowie die Förderung beruflicher und persönlicher Kompetenzen des Pflegepersonals. Spezielle Deeskalationstrainings sollen die Handlungssicherheit stärken und ein breites Bewusstsein für die verschiedenen Gewaltformen, einschließlich subtiler Gewalt, schaffen. Auch ist es wichtig, Führungskräfte zu schulen, die offen mit Gewalt am Arbeitsplatz umgehen, diese erkennen und eine systematische Bearbeitung ermöglichen.

Die Pflegekammer Nordrhein-Westfalen ist die Hauptanlaufstelle für Berufspflichtverletzungen im Pflegebereich. Etwa 98 Prozent der Fälle, die die Kammer bearbeitet, werden durch Staatsanwaltschaften eingeleitet. Nur circa zwei Prozent der Meldungen stammen von Pflegefachkräften, Pflegeempfänger*innen oder deren Angehörigen. Deshalb plant die Kammer, ein praxistaugliches Meldesystem für Berufspflichtverletzungen als Leuchtturmprojekt zu implementieren. Vorstandsmitglied Sonja Wolf ist die Ressortverantwortliche für das Projekt und erklärt: „Zu den Aufgaben der Pflegekammer zählt die Berufsaufsicht über unsere Profession. Ein sogenanntes ‚Whistleblower-System’ soll es Pflegefachpersonen ermöglichen, auf pflegefachliche Gefahren hinzuweisen. Aspekte von Gewalt spielen hier eine besonders wichtige Rolle. Selbstverständlich können Berufspflichtverletzungen auch anonym gemeldet werden. Das soll helfen, mögliche Hemmschwellen abzubauen. Denn es ist davon auszugehen, dass die Dunkelziffer an beobachteten Fällen sehr viel größer ist. Hier müssen wir einen niedrigschwelligen Meldeweg etablieren.“


Über das Projekt Gewaltpräventionsprojekt PEKo:

Hinter dem Gewaltpräventionsprojekt PEKo („Partizipative Entwicklung und Evaluation eines multimodalen Konzepts zur Gewaltprävention“) steht ein Verbund aus vier Hochschulen. Die Universität zu Köln, die Universität zu Lübeck, die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und die Hochschule Fulda setzen mit Unterstützung der Techniker Krankenkasse Gewaltpräventionsmaßnahmen in pflegerischen Einrichtungen um. Weitere Informationen können Sie der Webseite entnehmen: www.peko-gegen-gewalt.de


Zur Pressemitteilung: https://www.pflegekammer-nrw.de/gewalt-in-der-pflege-ist-immer-noch-ein-tabuthema-beleidigungen-bedrohungen-und-uebergriffe-sind-keine-seltenheit-in-der-pflege/

Foto: stock.adobe.com – erika8213

 

 

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