Österreich: Hilfsorganisationen legen Paket für Systemreform im Bereich Pflege und Betreuung vor

österreich hilfsorganisationen legen paket zur systemreform pflege vorTrotz zahlreicher Reformmaßnahmen der Bundesregierung in den letzten beiden Jahren bleiben strukturelle Hürden und Systemgrenzen in der Pflege- und Betreuungslandschaft bestehen. Der Fachkräftemangel schränkt bereits die Versorgungsangebote ein, während die demografische Entwicklung zusätzlichen Handlungsbedarf signalisiert. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Freie Wohlfahrt (BAG), bestehend aus Caritas, Diakonie, Hilfswerk, Rotes Kreuz und Volkshilfe, präsentiert deshalb im Vorwahlkampf ihre zentralen Forderungen für eine notwendige Systemreform in der Pflege und Betreuung. Gemeinsam vertreten sie den Großteil der gemeinnützigen Pflege- und Betreuungsdienstleistungen in Österreich.

Anna Parr, aktuelle Vorsitzende der BAG und Generalsekretärin der Caritas Österreich, erklärt: „Auf Basis unserer Expertise und unserer Erfahrungen haben wir in einem gemeinsamen Prozess ein Positionspapier erarbeitet, mit 61 Maßnahmen in fünf Kapiteln zur Absicherung einer guten Zukunft unseres Pflege- und Betreuungssystems. Die bereits eingeleiteten Maßnahmen müssen abgesichert und ausgebaut werden. Aber darüber hinaus braucht es auch mutige Innovationsschritte, um eine umfassende Strukturreform zu erreichen.“

Die notwendigen Maßnahmen für eine Systemreform liegen nun am Tisch und müssen sich mit den Bereichen Personal, Versorgungsstrukturen, pflegebedürftige Personen und ihre Angehörigen, Organisation/Finanzierung/Digitalisierung sowie dem Bundespflegegeld beschäftigen.

Caritas fordert Personalgewinnung und bessere Rahmenbedingungen

Generalsekretärin Caritas Österreich Anna Parr betont: „Bis 2030 fehlen uns pro Jahr bis zu 3.000 zusätzliche Pflegekräfte in Österreich. Nur durch gezieltes Gewinnen von neuem Personal, sowie Binden und Halten des bestehenden Personals kann es gelingen, den Bereich Pflege und Betreuung langfristig zu sichern und auszubauen. Das heißt, die von uns geforderte Systemreform muss ganz klar erstens die Ausbildung bzw. Personalgewinnung in den Blick nehmen und zweitens bessere Rahmenbedingungen für die arbeitenden Menschen schaffen. Die Pflege und Betreuung ist ein sehr schönes und wichtiges Berufsfeld – die darin arbeitenden Menschen haben es verdient, gute Rahmenbedingungen für ihre wertvolle Arbeit vorzufinden.“ Außerdem müsse Österreich auch für Pflegepersonen aus anderen Ländern attraktiver werden.

Volkshilfe fordert Ausbau von Pflege- und Betreuungsdiensten

Erich Fenninger, Direktor der Volkshilfe Österreich, betont: „Wir müssen die Versorgungslandschaft um die Bedürfnisse der Menschen bauen. Es muss eine Garantie geben, dass alle Menschen, die in Österreich leben, das für sie passende Angebot bekommen. Das geht am wirkungsvollsten mit einem massiven Ausbau von vielfältigen Pflege- und Betreuungsdiensten und Wohn- und Betreuungsformen. Und das muss finanziert und flächendeckend organisiert werden. Pilotprojekte, Ansätze und Teillösungen gibt es viele, jetzt muss gehandelt werden.“

Diakonie fordert Stärkung der Prävention und Gesundheitsförderung

„Wir werden immer älter – aber werden wir auch gesund älter?“ Maria Katharina Moser, Diakonie Direktorin, sagt: „Wenn wir den Herausforderungen begegnen wollen, brauchen wir eine radikale Pflegereform – eine Reform, die an die Wurzeln des Problems geht. Und dazu gehören wesentlich Gesundheitsförderung und Prävention. Diese sind im aktuellen Pflegesystem nicht berücksichtigt. Pflege, wie sie aktuell in Österreich gedacht, organisiert und finanziert wird, fokussiert nur den Ausgleich von Defiziten. Und sie wird auf medizinische und hygienische Fragen verengt. Das wird am Pflegegeld deutlich: Pflegegeld bekommt man, wenn Einschränkungen manifest sind und die Fähigkeit zur Selbstversorgung zu einem erheblichen Grad verloren ist.“

Rotes Kreuz fordert Unterstützung für pflegende Angehörige

Michael Opriesnig, Generalsekretär des Österreichischen Roten Kreuzes, erklärt: „Pflegende Angehörige sind der ‚größte Pflegedienst des Landes‘. Knapp eine Million Menschen in Österreich übernehmen Betreuungsaufgaben. Häusliche Pflege ist für betroffene Familien die teuerste Form der Pflege. Aufgrund der Teuerung und sinkender Kaufkraft droht oft die Armutsfalle. Die Unterstützung muss weiter ausgebaut werden, nicht nur finanziell, sondern auch ergänzende Angebote zum Austausch und zur Selbsthilfe, um die Versorgung pflegebedürftiger Menschen durch Angehörige abzusichern.“

Hilfswerk fordert mehr Investitionen und offensive Digitalisierung

„Der Finanzausgleich für die Jahre 2024 bis 2028 zielt auf die finanzielle Absicherung bestehender Maßnahmen sowie jener aus den Pflegereformpaketen ab. Positiv zu bewerten ist, dass er die demografische Entwicklung einpreist und auf die Festlegung realitätsferner Restriktionen in den Ausgabepfaden verzichtet, wie dies in der Vergangenheit der Fall war und auch vom Rechnungshof kritisiert wurde“, meint Elisabeth Anselm, Geschäftsführerin des Hilfswerk Österreich. „Kritisch zu sehen ist, dass der Finanzausgleich keinen relevanten Spielraum für zusätzliche, dringend notwendige Reformschritte vorsieht, etwa für die Weiterentwicklung der Versorgungslandschaft und der Arbeitsbedingungen von Pflege- und Betreuungskräften, aber auch für Innovation und Digitalisierung“, moniert Anselm.  

Die Hilfswerk-Geschäftsführerin ist überzeugt, dass ohne gezielte Ausweitung der öffentlichen Investitionen und eine intelligente Steuerung dem wachsenden Bedarf nicht adäquat begegnet werden kann. Anselm wies darauf hin, dass die Gesamtaufwendungen der öffentlichen Hände für Pflege und Betreuung in Österreich bei 1,1 Prozent des BIP liegen, während der OECD-Durchschnitt bei 1,7 Prozent liegt. Sie machte auch Vergleiche zu Ländern wie den Niederlanden, Norwegen und Schweden, die bei über 3 Prozent liegen, und Deutschland, das bei 1,5 Prozent liegt*. Anselm betonte weiterhin, dass sich die Pflegeentwicklungskommission in der nächsten Legislaturperiode dringend mit Versorgungszielen und -konzepten sowie Personalstrategien auseinandersetzen müsse, um eine intelligente Entwicklung des Systems trotz Kompetenzzersplitterung zu bewerkstelligen. Abschließend betonte sie die Notwendigkeit, in Digitalisierung und Innovation zu investieren, um mehr Kontinuität, Sicherheit und vor allem Effizienz und Entlastung ins System zu bringen.


*Quelle: OECD Health Working Papers No. 121, 2020

Zur Pressemitteilung: https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20240408_OTS0081/hilfsorganisationen-legen-paket-fuer-systemreform-im-bereich-pflege-und-betreuung-vor?utm_source=2024-04-08&utm_medium=email&utm_content=html&utm_campaign=mailaboeinzel

Foto: stock.adobe.com – GoodIdeas

 

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