Modellprojekt ErwiN erprobt medizinische Versorgung durch spezialisierte Pflegefachkräfte

Pflegekraft misst BlutdruckDie zunehmende Anzahl älterer Menschen mit komplexen Erkrankungen steht vor geringeren ärztlichen Kapazitäten, insbesondere in ländlichen Regionen. Gleichzeitig wünschen sich Pflegefachkräfte in Deutschland mehr Kompetenzen, ähnlich wie in anderen Ländern. Das Projekt ErwiN zielt darauf ab, diese beiden Entwicklungen zum Wohl der Patientenversorgung in der Zukunft mitzugestalten.

In den Bundesländern Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern startete das Innovationsfondsprojekt ErwiN, das darauf abzielt, die medizinische Versorgung älterer, chronisch kranker Menschen im häuslichen Umfeld zu verbessern. ErwiN steht für "Erweiterte Übertragung von arztentlastenden Tätigkeiten in ArztNetzen". Neun erfahrene Pflegefachkräfte, die derzeit an der Universitätsmedizin Greifswald eine umfangreiche Zusatzausbildung in den Bereichen Schmerz, Hypertonie sowie Ernährung und Ausscheidung erhalten, übernehmen Hausbesuche und Behandlungen von bereits diagnostizierten Erkrankungen in enger Abstimmung mit den betreuenden Ärzten. Bei Bedarf können Ärzte über Videosprechstunden hinzugezogen werden.

Das Projekt ErwiN ist dem Pflegekompetenzgesetz voraus. In Anlehnung an die Praxis in anderen Ländern legte das Bundesgesundheitsministerium im Dezember 2023 Eckpunkte für ein Pflegekompetenzgesetz vor. Mit dem Einsatz spezialisierter Pflegefachkräfte in der direkten Versorgung ist das Projekt ErwiN der gesetzgeberischen Entwicklung voraus. Es erprobt über einen Zeitraum von dreieinhalb Jahren die Übernahme ärztlicher Aufgaben, die außerhalb von genehmigten Projekten bisher nicht möglich waren.

Umgesetzt wird das Projekt ErwiN in vier Regionen: Elsterwerda/Bad Liebenwerda (Süd-Brandenburg), Uckermark und Ostprignitz (Nord-Brandenburg), Uecker-Randow und Anklam (Mecklenburg-Vorpommern), sowie Treptow-Köpenick und Neukölln-Tempelhof (Berlin). Beteiligt sind Arztnetzte MEDIS Management GmbH (Konsortialführung), AGBAN – Arbeitsgemeinschaft Berliner Arztnetze GmbH & Co. KG und HaffNet Management GmbH. Die AOK Nordost und die BARMER, die die größten Marktanteile in den Regionen haben, sind ebenfalls beteiligt. Der Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses fördert ErwiN für eine Laufzeit von 3,5 Jahren mit rund 6,7 Millionen Euro.

Stimmen von der Auftaktveranstaltung zum Projekt ErwiN in der gemeinsamen Landesvertretung Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern in Berlin am 12. April 2024:

Ursula Nonnemacher, Ministerin für Soziales, Gesundheit, Integration und Verbraucherschutz des Landes Brandenburg:
„Die Sicherung der medizinischen Versorgung für eine zunehmend älter werdende Bevölkerung ist eine der großen Herausforderungen des Gesundheitswesens in den nächsten Jahren. Das Projekt ErwiN beschreitet in dieser Hinsicht neue Wege: Ärztinnen und Ärzte werden durch in der Pflege geschultes Personal mit langjährigen Erfahrungen fachlich entlastet. Das stärkt die Pflege daheim und trägt zu einem möglichst langen selbstbestimmten Leben im eigenen Umfeld bei, eines der Kernziele des Pakts für Pflege der Brandenburger Landesregierung. Gerade im ländlichen Brandenburg können solche neuen Versorgungsformen dauerhaft zu einer Sicherung des Angebots beitragen. Ich freue mich daher sehr, dass Brandenburg an diesem innovativen Projekt beteiligt ist.“

Sylvia Grimm, Staatssekretärin im Ministerium für Soziales, Gesundheit und Sport Mecklenburg-Vorpommern:
„In Mecklenburg-Vorpommern ist der demografische Wandel schon weiter fortgeschritten, als in vielen anderen Regionen. Zukunftsweisende Projekte wie ErwiN helfen uns dabei, unsere Gesundheitsversorgung mit modernen Lösungen an diese veränderten Realitäten anzupassen. Zugleich tragen sie zu einer besseren Gesundheit und höheren Lebensqualität unserer Patientinnen und Patienten insbesondere in dünner besiedelten, ländlichen Regionen des Landes bei.“

Ellen Haußdörfer, Staatsekretärin für Gesundheit und Pflege des Berliner Senats:
„Das Projekt ErwiN beinhaltet Innovationen der Versorgungslandschaft, die auch auf der politischen Agenda stehen. Die Region Berlin-Brandenburg ist in besonderem Maße von der Gesundheitswirtschaft geprägt. Sie beschäftigt etwa 400.000 Personen und ist mit einem jährlichen Umsatz von rund 30 Mrd. Euro ein wesentlicher Impulsgeber und Innovationstreiber der regionalen Wirtschaft. Berlin wird weiterhin gemeinsam mit Brandenburg die Gesundheitsregion Berlin-Brandenburg zu einem Gesundheitsstandort ausbauen, in dem gute Bedingungen für die langfristig bedarfsgerechte und effiziente Weiterentwicklung des Gesundheitssystems vorliegen. Mit Projekten wie ErwiN kann dies umso mehr gelingen.“

Marit Weber, Projektleiterin Pflegefachkraft MEDIS:
„Die medizinische Versorgung unserer Bevölkerung muss zukunftssicher gemacht werden -und zwar jetzt!“

Dr. Sabine Meinhold, ErwiN-Netzärztin, HaffNet:
„In einer Region wie unserer, die geografisch weitläufig ist, gewinnen spezialisierte Pflegefachkräfte zunehmend an Bedeutung in der Gesundheitsversorgung. Als integrativer Bestandteil von Arztnetzen sind sie unersetzlich. Ihre Expertise und ihre leidenschaftliche Fürsorge stärken nicht nur unser Teamgefüge, sondern bringen auch eine deutliche Verbesserung in die Betreuung und Behandlung unserer Patienten."

Prof. Dr. Katrin Balzer, Universität Lübeck:
„Mit dem Projekt ErwiN wird auch die Zusammenarbeit zwischen dem Pflegeberuf und den anderen Gesundheitsberufen und den Betroffenen selbst auf eine neue Grundlage gestellt. Das Projekt bietet das Potenzial zu zeigen, wie speziell qualifizierte Pflegefachpersonen mit ihren vielseitigen fachlichen, methodischen und kommunikativen Kompetenzen selbstständig und kooperativ wichtige Schlüsselrollen in der Bewältigung chronischer Erkrankungen und der Prävention von Folgegesundheitsproblemen ausfüllen können – so, wie sie es in vielen anderen Ländern seit langem tun.“

Daniela Teichert, Vorstandsvorsitzende der AOK Nordost:
„Veraltet, verkrustet, verhindernd: Wir sind in Deutschland an vielen Stellen immer noch in hierarchischen Strukturen gefangen, die Fortschritt im Weg stehen. In anderen Ländern ist die interdisziplinäre Teamarbeit auf Augenhöhe längst Standard in der Gesundheitsversorgung. In Deutschland können wir sie größtenteils bisher nur auf Projektebene oder im Rahmen von Modellvorhaben umsetzen. Hoffen wir also, dass wir nach erfolgreicher Beendigung von ErwiN nicht wieder unüberwindbaren Hürden bei der Überführung in die Regelversorgung gegenüberstehen.“

Gabriela Leyh, Landesgeschäftsführerin der BARMER Berlin/Brandenburg:
„Um dem Fachkräftemangel bei der Versorgung älterer und chronisch kranker Menschen im häuslichen Umfeld wirksam zu begegnen, braucht es gesetzliche Regelungen für die Kompetenzerweiterung für Pflegefachkräfte, wie sie in anderen Ländern schon existieren, sowie Partner mit Veränderungsbereitschaft und Gestaltungswille. Genau diesen Weg erproben wir im Projekt ErwiN.“

Henning Kutzbach, Landesgeschäftsführer der BARMER Mecklenburg-Vorpommern:
„Über den Innovationsfonds haben wir eine einzigartige Möglichkeit neue Versorgungsformen zu entwickeln und zu erproben. Dabei rückt der ländliche Raum für uns in Mecklenburg-Vorpommern in den Fokus, weil sich hier ein besonderer Bedarf an innovative Lösungen abzeichnet. Wir hoffen, dass am Ende des Projektes eine Überführung in die Regelversorgung erfolgen kann.“


Zur Pressemitteilung: https://www.barmer.de/presse/bundeslaender-aktuell/berlin-brandenburg/archiv-pressemitteilungen/modellprojekt-erwin-erprobt-medizinische-versorgung-durch-spezialisierte-pflegefachkraefte-1263916

Foto: stock.adobe.com – Dragana Gordic

 

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